Ich schreibe diesen Beitrag nicht aus grundsätzlicher Ablehnung einer Sanierung der Wunstorfer Fußgängerzone. Veränderungen können sinnvoll sein, wenn sie gut begründet, transparent vorbereitet und gemeinsam getragen werden. Genau daran aber fehlt es derzeit.
Die geplante Umgestaltung leidet weniger an gestalterischen Fragen als an einem grundlegenden Beteiligungsproblem. Und dieses Problem gefährdet das wichtigste Fundament jeder Stadtentwicklung: Vertrauen.
Beteiligung beginnt nicht am Ende
Im Rahmen des ISEK-Verfahrens wurden Bürgerinnen und Bürger ausdrücklich nach ihren Wünschen zur Innenstadt befragt. Diese Beteiligung war kein unverbindlicher Ideenspeicher, sondern sollte Grundlage für weiteres Handeln sein. Umso irritierender ist es, dass die Ergebnisse dieser Umfrage später in der öffentlichen Darstellung inhaltlich verdreht wurden.
Aus einer mehrheitlich geäußerten Zufriedenheit mit der bestehenden Fußgängerzone wurde der politische Eindruck erzeugt, es bestehe ein klarer Wunsch nach umfassender Umgestaltung. Auf dieser Deutung wiederum basiert der Ausschreibungstext für die beauftragten Planungsbüros. Wer Beteiligung ernst nimmt, darf Ergebnisse nicht uminterpretieren, um sie an politische Ziele anzupassen.
Vorentscheidungen statt offener Diskussion
Erschwerend kommt hinzu, dass zentrale gestalterische Fragen bereits vor Beginn des Architektenwettbewerbs als entschieden dargestellt wurden. Bestimmte Elemente der heutigen Fußgängerzone wurden öffentlich als „nicht mehr zeitgemäß“ bezeichnet – noch bevor alternative Entwürfe überhaupt diskutiert werden konnten.
Ein Wettbewerb, der ergebnisoffen sein soll, darf keine Vorfestlegungen enthalten. Andernfalls entsteht der Eindruck, dass nicht Ideen gesucht werden, sondern lediglich Bestätigungen für bereits getroffene Entscheidungen. Auch das untergräbt Vertrauen.
Beteiligung als Beruhigungsmittel?
Inzwischen wird von Seiten der Stadtverwaltung auf neu gegründete Arbeitskreise und einen Beirat verwiesen. Diese sollen angeblich die eigentliche Bürgerbeteiligung darstellen. Ein Blick in die entsprechenden Vorlagen zeigt jedoch: Beide Gremien sollen keinen Einfluss mehr auf die grundlegende Gestaltung der Fußgängerzone haben.
Beteiligung ohne Gestaltungsspielraum ist keine Beteiligung, sondern ein Feigenblatt. Wenn Menschen eingeladen werden, ohne dass ihre Beiträge noch etwas verändern können, entsteht nicht Mitwirkung, sondern Frustration.
6.000 Unterschriften sind kein Missverständnis
Besonders schwer wiegt der Umgang mit der Unterschriftenaktion einer Bürgerinitiative, die über 6.000 Menschen gegen die geplante Umgestaltung mobilisiert hat. Öffentlich zu behaupten, diese Unterzeichnerinnen und Unterzeichner hätten sich eigentlich für eine Umgestaltung ausgesprochen, ist eine Form der Vereinnahmung, die sprachlos macht.
Demokratische Beteiligung lebt davon, dass Meinungen ernst genommen werden – auch dann, wenn sie unbequem sind.
Vertrauen ist keine Nebensache
Stadtentwicklung funktioniert nur gemeinsam mit den Menschen, die dort leben, arbeiten und investieren. Geschäftsleute, Anwohner, Gastronomen, Ärztinnen und Händler tragen die Innenstadt jeden Tag. Wenn sie das Gefühl haben, dass Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen werden, verliert die Stadt mehr als nur Zustimmung – sie verliert Bindung.
Eine Sanierung mag technisch planbar sein. Vertrauen hingegen lässt sich nicht verordnen und auch nicht nachträglich reparieren.
Fazit
Die Diskussion um die Wunstorfer Fußgängerzone braucht eine ehrliche Zäsur. Nicht die Frage „Wie soll es aussehen?“ steht am Anfang, sondern: Wie wollen wir entscheiden? Transparenz, echte Beteiligung und die Bereitschaft, Ergebnisse auszuhalten, sind keine Verzögerung – sie sind Voraussetzung für Akzeptanz.
Wer jetzt weitermacht wie bisher, riskiert, dass eine gut gemeinte Sanierung dauerhaft als Symbol für übergangene Bürgerinnen und Bürger in Erinnerung bleibt. Das wäre der größte Schaden von allen.
